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21.06.2015

22.06. 2015 - Bauchgefühle



Zwei Monate und zwei Tage. Bam. Dann ist es soweit, ich fliege ein paar Stunden und lande für zehn Monate in einer Welt, die mir fremder nicht sein könnte.
 
Mein Körper ist mittlerweile komplett durchgeimpft und durchgecheckt und auch mein Kopf arbeitet, bereitet sich auf das Thema fremdes Land, fremde Menschen, weit weg von dem Hier und Jetzt vor.
Euphorie, ausgelöst durch ein Skype-Gespräch mit Anurag und Ravi, die beide zu Manzil gehören, wird abgelöst von leisen Zweifeln, als mein Tropenarzt mir von einer Freiwilligen erzählt, die in Südafrika vergewaltigt wurde, klarstellt, dass die Welt böse sei und ich meinen potentiellen Vergewaltigern doch immer ein Kondom anbieten solle, damit ich wenigstens kein Aids bekomme. 
Ich sitze gegenüber von ihm, zwischen uns der Schreibtisch, schlucke kurz und versuche, so unbeeindruckt wie möglich zu gucken. „Ich hatte nicht vor, da alleine rumzulaufen.“ Und noch einen Selbstverteidigungskurs zu machen, denke ich.
Dann gibt er mir noch Notfallnummern von deutschen Ärzten und der Botschaft und wir unterhalten uns weiter über Gerhard Richter – er hatte früher auch mal den Plan, Kunst zu studieren.


Alle Menschen um mich herum machen sich Sorgen, nur ich mache mir seltsamerweise keine. Ich hege auch keine großen Erwartungen. 
Ich will nach Indien, seit Malte aus der Schreibschule Geschichten von seinem Auslandsjahr vorgelesen hat und ich möchte noch mehr nach Indien, seit Louise mir einen Brief  aus dieser seltsam fern wirkenden Welt geschrieben hat. In den letzten Monaten hat sich das wage, von Farben strotzende, utopische Bild ein wenig geschärft. Ich versuche mir eine Vorstellung davon zu machen, wie tausende von, für mich gleich aussehende Menschen über staubige Straßen rennen, wie ich angestarrt werde, weil es offensichtlich ist, dass ich nicht in diese Welt gehöre. Ich versuche mir die Räume meines Projekts vorzustellen, in denen es wie Anurag mir sagte, keine Stühle gibt, weil sie dort lieber nah am Boden sitzen und ob alles wirklich so klein und eng und laut ist, wie es in meinem Kopf herumschwirrt.


Ich hänge langsam die Bilder von meinen Wänden, sortiere Bücher und Klamotten aus, kaufe Wasseraufbereitungstabletten und Mückenschutzspray bei Globetrotter und realisiere, noch mehr als ich das bei meiner Abiturfeier jemals realisieren könnte, dass hier etwas Neues beginnt. Etwas, das mehr Ich bin als die letzten dreizehn Jahre Schule zusammen.
Weil ich mich immer öfter frag, welche Kräfte die Zahnräder dieser Welt am Laufen halten und wie lange das noch so sein wird. Ich werde in den nächsten zehn Monaten keine Antwort auf diese Frage bekommen, aber ich freue mich wahnsinnig darauf, die blank geputzten Vorgärten in Deutschland zu verlassen und sie gegen, auf Plastiktüten herumkauende, indische Kühe einzutauschen.