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05.09.2015

06.09.2015 - Eins



  
Ich hab mich verliebt. In den Sonnenuntergang über den Wolken. 

Trang und Myriam kochen gerade fleißig in unserer WG-Küche. Frisches Gemüse, Kartoffeln und Reis.
Der kleine Gemüseladen und der Milchshop liegen zehn Minuten von unserer Wohnung in Vasant Kunj entfernt. Auf dem Weg dorthin treffen wir Frauen, die im Hausflur Wäsche bügeln, heiße Kohlen dampfen im Bügeleisen, Kühe fressen Essensreste aus Mülltonnen, die scheinbar immer voll sind, Rikscha Wallas* halten neben uns, fragen ob wir mitfahren wollen, da ist der nächste Gulli, kein Deckel darauf, ausweichen, neben uns verkaufen auf Paan** kauende Männer Streetfood.



Um halb neun stehe ich auf. Lasse Wasser in einen großen Eimer, mit einem kleineren schöpfe ich, es rinnt kalt über mein Gesicht. Die indische Art zu duschen. Ich esse Joghurt und Papaya zum Frühstück. Dann packe ich meine Sachen und Myri und ich verlassen das Haus, fahren mit der Rikscha zur Metrostation Chhatappur. Kreuz und quer zwischen Lastwagen, Autos, Motorrädern und Fahrrädern hupt der Rikscha Wallah sich seinen Weg zurecht, von links (beziehungsweise rechts) überholen hat hier noch nie jemand etwas gehört und hupen bedeutet im indischen Straßenverkehr Mach Platz, ich will hier vorbei. Während der Rushhour hupt die ganze Stadt und in den Reihen vor dem Ticketschalter an der Metrostation schwanken die Menschen wie Zombies von rechts nach links, von links nach rechts. Ich überquere die Straße am Khan Market und mache mich auf dem Weg zum Office von Manzil. Es ist elf Uhr, es wird einmal durchgewischt, dann werden die Sitzpolster wieder auf den Boden gelegt und die Tischchen aufgestellt. Nishra, Ravi, Anurag, Pradipta und Pushpa reflektieren den gestrigen Tag, besprechen Probleme und Gedanken. Über uns ist Pushbaas Hochbett, neben ihr der Kühlschrank, darüber die Spüle.
Um halb zwei ist Lunchtime. Ich werde vollgestopft mit indischem Essen, von dem ich den Namen vergesse, jedes Mal. Pradipta isst meistens Fisch und Hühnchen. Ich probiere alles. Erstes Non-Veg Food in Indien.



Rikschafahrt // Der Blick von unserer Wohnzimmerterasse-zu grün für Delhi. // Mein Schreibtisch und die Wand darüber. Roomdetailsquatsch.

An das scharfe Essen habe ich mich schon nach zehn Tagen gewöhnt. An die tropisch-schwüle Hitze auch. Selbst in der Rikscha habe ich keine Angst mehr davor, jede Sekunde zerquetscht zu werden. Es wollte noch niemand ein Selfie mit mir machen, niemand hat mir an den Arsch gefasst, aber die Blicke spüre ich immer noch. Gierige Männerblicke. Musternde Frauenblicke, wenn ich lächle, antworten sie meistens ebenfalls mit einem Grinsen.
Nachmittags besuche ich die Klassen, meistens die Englischklassen , da ich in ein paar Tagen selber anfangen werde, die Minis zu unterrichten. Ich gehe mit Anurag in die nahe gelegene Schule und bin plötzlich Teil seiner Musikklasse. Wir singen die Tonleiter auf Hindi. Ich versage völlig.
Danach esse ich mein erstes Streetfood: Pommes mit Mayo und indischer Soße, grün und rot. Überfettet, schrumpelig, tausend Mal besser als bei McDonalds. Wir trinken Chai und ich verbrenne mir meinen ganzen Mund, aber der Tee ist wunderbar.
Dann treffe ich Myri an der Metro am Khan Market, wir fahren nach Hause.
An die Bettler an der Metrostation gewöhne ich mich nicht. Die Gelenke sind grotesk ausgerenkt, die Haare verfilzt, die Gesten immer gleich. Wir hasten weiter, rennen in die Arme der Rikscha-Wallas und suchen ehrliche Augen, die uns nach Hause bringen. 


Heute bin ich auf einer Teacher Party eingeladen. „You will become a teacher in a few days. So you are invited.” Ich freue mich riesig. Die Party steigt in Ravis Haus, dort, wo vor genau neunzehn Jahren Manzil gegründet wurde. Sofas und Sessel wurden zur Seite geschoben, wir sitzen auf dickem Teppichboden, es wird knatschsüßes Rosenwasser herumgereicht. „Okay for you?“ Flüstert Anurag von rechts. Klar. Schmeckt bloß ein bisschen nach Seife. Später beiße ich in eine frittierte Chillischote und muss heulen. Jeder erzählt, warum er Lehrer ist (oder einer werden möchte). Anurag übersetzt leise, wenn Hindi gesprochen wird. Dann wird gesungen. Pradipta kommt aus Südinden, singt ein Lied auf Bengali. Dann bin ich dran. Ein bisschen 'Hurra, die Welt geht unter', mein Selbstvertrauen reicht allerdings bloß für den Refrain. Zum Abschied drückt mir Didi, die Schwester von Ravi, einen dicken Kuss auf die Wange und Nishra stopft schnell noch ein bisschen Nachtisch in mich hinein (Milchreis mit Mandeln, O-Ton: 'Do you know this in Germany, too?') Dann laufe ich die Treppen hinunter, haste an den Läden am Khan Market vorbei und treffe Myri an der Metro in Richtung nach Hause.  

*Rikschas sind ulkige, grün-gelbe Dreiräder mit Motorradantrieb. Rikscha-Wallahs sind die Rikschafahrer. In Indien ist aber alles Wallah.
**Paan ist so eine Art Zigarettenkaugummi (einfach: Kautabak.) Man kaut und spuckt aus und Zähne und Asphalt sind rot.