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18.09.2015

18.09.2015 - Zwei



Es muss jetzt ungefähr 0.30 sein und mein Körper ist immer noch voller Energie, fühlt sich so an als müsste ich irgendwann überlaufen. Gerade eben den Tag von der Haut gewaschen schreibe ich das auf, was in meinem Kopf herumgeistert und mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Frische Gedanken wie Farbe auf Papier.

Heute habe ich Myris Projekt, Adhyayan, besucht. Es ist, wie Manzil, eine Art Nachmittagsschule. Unsere beiden Projekte sind ähnlich aufgebaut, allerdings überwiegt bei Adhyayan noch das Chaos. Myri muss versuchen, eine Struktur zu schaffen. Ich werde sie nun regelmäßig zur Schule auf den Dächern von Kailash Colony begleiten um sie zu unterstützen.

Heute geben wir gemeinsam unsere erste Englischstunde. Neelu, eine unserer Schülerinnen, lädt uns danach zu sich nach Hause ein. Sie möchte uns ein paar Bilder zeigen die sie gemalt hat.

Also gehen wir los – fünf oder sechs andere, neugierige Adhyayan Schüler begleiten uns. Nasse, dunkle Treppen hinunter. Dann durch schmale Gassen – Fliegen, Kühe, Obst, Menschen überall, die schwüle Luft staut sich in engem Raum. Dann wieder durch dunkle Treppenhäuser und wir befinden uns wieder auf dem Dach, Neelus zu Hause. 

 

Von irgendwo zieht irgendjemand, wie immer, Stühle aus einer Ecke. Wir sollen uns hinsetzen. Ich fühle mich eigentlich viel wohler, wenn ich mit allen anderen auf dem Boden sitze. Mit der Zeit habe ich allerdings gelernt, das es kraftsparender ist, das Angebot erst einmal anzunehmen – und dann still und leise auf den Boden zu wandern. Dann bringt jemand kühle Pepsi – und ich schwitze noch viel mehr als sowieso schon. Ein paar Frauen kommen aus ihren Wohnungen und mustern uns. Neugierig,  ein wenig ängstlich.

Dann verschwindet Neelu, und kommt wieder, mit wunderschönen Bildern. Wir wollen mehr sehen und sie kommt mit noch größeren zurück. Sie kommen mir so bekannt vor – bunte Bilder mit Göttern, ein wenig ähnlich zu dem, was ich manchmal in meine Notizbücher kritzle. Ich frage sie, ob ich ihr Atelier sehen kann. Sie erklärt mir, dass es eigentlich das Atelier ihres Vaters ist. Er ist Maler von Beruf und verkauft die Bilder am Delhi Haat.



Während unserer ersten Woche hier haben wir den Markt gemeinsam besucht. Der Stand mit den Zeichnungen und Bildern war einer der ersten, an dem wir länger verweilten. Simon, neben mir stehend, die Bilder bestaunend, fragte mich, ob ich ihm auch so etwas malen könnte. Ich antwortete, dass ich es versuchen könne. Ich zeige Neelu ein paar von meinen Kritzeleien und frage sie, ob sie Myri und mich unterrichten möchte. „Then you become the teacher and we become students.“ Sie sitzt im Schneidersitz auf dem Ateliertisch und lacht.

Manchmal ist es so verrückt, wie das Leben seine Fäden spinnt und Dinge plötzlich zusammenlaufen und Sinn ergeben. Sogar in Delhi.




 Bevor wir uns auf den Weg machen frage ich die Frauen, ob ich ein paar Photos von ihnen machen darf. Ich zeige ihnen die Bilder, sie lachen, ihre Augen sind warm.

Es sind die ersten Bilder die ich von fremden, indischen Menschen mache.

Als wir uns unseren Weg zurück durch schmale Gassen bahnen fühle ich mich wie der glücklichste Mensch auf der Welt.