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12.10.2015

11.10.2015 - Drei - Von Achterbahnen, Vermissen und Robin Hood spielen



In den letzten Tagen habe ich des Öfteren den Blog von Matt gelesen, einem Kanadier, der Delhi zu dem Zeitpunkt verlassen hat, an dem ich hier angekommen bin.  Letzten Sonntag habe ich Prithak besucht, die Organisation, in der er gearbeitet hat. Es war das erste Mal, dass ich einen Slum gesehen habe und irgendwie hat mich das alles aus dem Tief herausgezogen, in das ich die Tage davor gefallen war.
Matt schreibt über Achterbahnen und das Leben hier lässt sich mit Achterbahnen wohl recht gut vergleichen, bloß scheinen sie hier steiler und schneller und es gibt mehr Hochs als Tiefs. Zum Glück.  
 
Recently I read a blog of a Canadian guy, his name is Matt and he left Delhi by the time when I arrived. Last Sunday I visited the organization he worked for, Prithak. It was the first time I saw a slum, and it took me out of the deep hole I fell in the days before.
Matt writes about rollercoasters. And this is how it is. I have never felt these ups and downs in a more intensive way as I do here. And I am glad that there are more ups than downs. 


Der Slum ist auf eine seltsame Art und Weise sehr schön. Die schmalen Gassen sind bunt und sauber, ein kleiner Kanal fließt auf der rechten Seite hinunter, blau gefärbtes Wasser. Auf der Straße liegen überall Jeansfetzen. Sie kaufen die Stoffreste einer Jeansfabrik und verarbeiten sie weiter.
Es ist einer der besseren Slums und ich glaube, ich habe einen der schlechteren erwartet. Einen, in dem sich Müll und Scheiße auf den Straßen häuft und die Häuser aus blauen Plastikplanen bestehen.
Später, an der Metrostation, fragt Pradeep mich, ob ich den Berg sehen könne, riesig liegt er in der Ferne und ich frage mich, was ein so großer Berg im Zentrum von Delhi macht. Es ist ein Müllberg.
Dann wandelte sich das Bild des Slums in das, was er wirklich ist. Oder was er eben auch ist.

The slum is beautiful, in a strange, weird way. The narrow pathways are colourful and clean, a small canal flows on the right side, blue coloured water in it. They are working with the leftover fabric s of a jeans factory. It is one of the better slums and I guess I expected something worse, that’s why I am surprised in such a positive way. Later at the metro station, Pradeep shows me a huge mountain from the distance. After showing me, he tells me it is a garbage mountain. The romantic slum turns into what it actually is, what it either is. 


Das Tief hatte nicht einen Grund. Es setzte sich aus vielen zusammen. Als das letzte Teil eingerastet war, blieb es für Tage.
Manchmal vermisse ich manche Menschen viel zu sehr. Wenn ich ihre Stimme höre, wird es schlechter. Ich fühlte mich verloren, nach fünf Wochen, die mich so sehr füllten dass sie mich leerten.
Ich habe vergessen warum ich hierhin gekommen bin. Die  Skizze verlegt, die ich hier ausmalen wollte. Ich hatte das Gefühl, bei der Suche nach meinem Platz auf der Arbeit zu scheitern.
Vasant Kunj, der Stadtteil, in dem unsere Wohnung liegt, machte mich depressiv. Ich hatte das Gefühl, jedes Mal erst ein Ghetto durchqueren zu müssen, bevor ich auf der Arbeit oder zu Hause angekommen war. Ich entschied, dass sich etwas ändern müsse – und plante auszuziehen. Ich machte einen Termin für eine Wohnungsbesichtigung in Green Park, direkt bei einer Metrostation, aus, ohne den anderen davon zu erzählen. Ich bin nicht hingegangen. Gute Entscheidung.

I guess the deep was caused by a lot of factors.
Sometimes I miss some people too much and when I hear their voice, it gets worse. Now, I have the energy just to do what’s good for me. But the endorphins were suddenly missing in the hole. I felt lost. I forgot the reasons why I went to this place and my beliefs which were always such a big part of me. I could not figure out what my place at my work place was. Vasant Kunj, the area where our flat is, sucked. I felt like I was living in a ghetto.
I decided to move out. I fixed a date to see another flat in Green Park, next to a metro station, without telling the others about it.
I did not go there. Good decision. 



Ich mag diese Achterbahnmetaphorik. Wenn du in deinem Loch herumdümpelst brauchst du eine wahnsininge Energie und Geduld um die Steigung nach oben zu schaffen. Wenn du wieder oben bist, ist es einfach.  Die Energie scheint einfach zu fließen und du musst nichts machen, dich einfach treiben lassen.
Am Freitag, ich immer noch scheiße gelaunt, zelebriert die WG wieder ihren Filmabend (Trang, die Beste, hat einen Beamer mit nach Indien gebracht.) Ich sehe Slumdog Millionär zum ersten Mal. Auch wenn es eine amerikanische Produktion ist, lässt es mich die Straßenkinder mit den ausgerenkten Armen und den hungrigen Augen wieder aus einer anderen Perspektive sehen.
Samstag fahre ich mit Trang zu Green Park. Ich fange an diesem Tag wieder an zu filmen und zu fotografieren und mache in den nächsten Tagen damit weiter. Ich fange an, darüber zu reden, was in meinem Kopf seine Kreise zieht und merke endlich, dass sich etwas bewegt. 

 I like the metaphor rollercoaster. When you’re down and you wanna go up again, you need incredibly much energy. If you’re on the top, it’s easy. Energy is floating and it seems that you have to do nothing, just to drift.
On Friday, still feeling like a piece of shit, I watch slumdog millionare for the very first time. (Trang best person ever, took her beamer with her to India). Even if it is an American production, it makes me see the slum kids from another perspective. Saturday, Trang and I move out to Green Park. I start taking photographs and pictures again and talk a lot about the stuff circling in my head. Now I feel that something is slowly moving .


Ich habe hier meine Lieblinge gefunden. Meinen Lieblings-Rikscha-Walla, den niedlichsten Mensch der Welt. Ich habe meine Lieblingsschneiderei in Green Park gefunden, meinen Lieblings-Chai-Walla, meinen Lieblings-Momo-Walla. Und ich habe hier meine Lieblingsmenschen gefunden, die meisten von ihnen Inder, natürlich, das bringt es mit sich wenn man nach Indien reist, aber die anderen Menschen um mich herum beginnen ebenfalls langsam, sich in meine Lieblinge zu verwandeln.
Und wenn sich die Dinge dann in die richtige Richtung drehen fängt an man an, seine Lieblingsmenschen schätzen zu lernen. Denn sie sind diejenigen, die hier sind, in der Gegenwart, nur eine Tür oder einmal aufwachen entfernt. Die anderen Lieblinge sind in der Vergangenheit und in der Zukunft. Und manchmal ist es hart, dass ein Skypegespräch nur eine Stunde Gegenwart ist. 


I found my favourites here. I found my favourite Rikscha-Walla, who is the sweetest old guy in the world. I found my favourite tailor, my favourite Chai-Walla, my favourite Momo-Walla. And particularly my favourite people. Most of them are Indians, of course, it’s part of living in India, but the people who are living around me are slowly turning into my favourites, too.
And if the things are turning into the right way you start to cherish your favourites, because they are here, in your present, just one door or waking up distanced. The other favourites are in the past and in the future. And it’s hard that a skype call is just a one hour present.

  
Nebenbei, wir haben uns heute zur deutschen Botschaft bewegt um an einer pompösen Veranstaltung teilzunehmen, die den Zweck hatte, die deutsche Einheit zu glorifizieren (und sich selbst.)
Ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, was ich von der ganzen Aktion erwartet hatte. Aber ich habe mich sehr wohl damit gefühlt, die unter dem Motto stehende „Grenzen überwinden“ Feierlichkeit in meinen Sneakers, auf dem Boden, mit einem Glas Weißwein in der Hand, direkt neben dem Swimmingpool zu zelebrieren. Und habe es wirklich genossen, mich der versnobten Masse von Superreichen unterzuordnen. Im  wahrsten Sinne des Wortes.
Versteht mich nicht falsch. Ich war wirklich dankbar über die Einladung und die Massen von Essen die aufgetischt wurden. Aber mit dem Geld, womit diese Veranstaltung aufgefahren wurde, hätte man über einen längeren Zeitraum einen kompletten Slum ernähren können. Ich habe den Kapitalismus noch nie auf diese reale Art und Weise gesehen und es hatte etwas wirklich Ekelhaftes an sich. Morgen werden wir unser Bestes tun, um uns bei den Straßenkids zu revanchieren.

Randomly, we went to the German Embassy today due to a bombastic event they arranged to celebrate the German unity (and themselves.)
Honestly, I do not know what I expected. But I felt really comfortable to celebrating the ‘overcome borders’ event in my sneakers, on the ground, with a glass of white wine in my hand, next to the huge swimming pool. I really enjoyed it to literally subordinate myself to the snobbish crowd of superrich.
Don’t get me wrong. I was glad about this invitation and the masses of food. But I guess you could have made a whole slum replete over a long period. I’ve never seen the capitalism in this physical way. It had something which was really disgusting. Tomorrow, we’ll try our best to make a few of the street kids replete.